HARMONIKA – INTERNATIONAL 3-2020 (Auszug)

Die Zeitschrift des Deutschen Harmonika-Verbandes – Heft 3/2020 ist erschienen

mit Beiträgen vom Akkordeon-Orchester St. Tönis

Schwerpunktthema: „Nachwuchsarbeit – jung und alt“

Hier Auszüge aus dem Heft – zum Nachlesen auch anderer interessanter Artikel liegt normalerweise ein Exemplar des Hefts in der Cafeteria des Vereinsheims aus.

Titelseite
Auf Seite: 23 (mit Foto auf Seite 24)

„Musik-Salon“ für Erwachsene 50+

Akkordeon-Orchester 1957 St. Tönis, Nordrhein-Westfalen

„Seit 2019 bieten wir mit unserem Projekt ‚Musik-Salon‘ speziell für Erwachsene ab 50 Jahren das Akkordeonspiel in Kleingruppen (à bis zu fünf Personen) an. Hier steht nicht das Ziel ‚Orchester‘ im Vordergrund, sondern vielmehr das gemeinsame Musizieren in kleinen Gruppen, beidhändiges Spielen und auch gemeinsame Freizeit miteinander zu verbringen. Die Kurse richten sich an ‚Eingerostete‘, Wiedereinsteiger, Anfänger, Fortgeschrittene.

Der Wechsel in eines unserer Erwachsenenorchester kann eine Option sein, steht hier aber nicht im Vordergrund. Das Projekt war von Beginn an sehr erfolgreich: Bisher haben wir dadurch 27 neue Vereinsmitglieder gefunden.“ Oliver Schieren, 1. Vorsitzender des AO St. Tönis


Auf Seite 27

Offener Jugendtreff „Meet music“

Akkordeon-Orchester 1957 St. Tönis, Nordrhein-Westfalen
„Seit 2018 haben wir uns intensiv um neue Musik- und Akkordeonlehrkräfte (Schwerpunkt u. a. Kinder) bemüht und sind eine Kooperation mit einer privaten Musikschule eingegangen. Die Idee hinter dem Format ‚Meet Music’: Kids ab zehn Jahren treffen sich bei uns im Vereinsheim, unabhängig davon, ob sie Mitglied im Verein sind, welches Instrument sie spielen und wo das bisher gelernt wurde. Wir stellen die Infrastruktur (Vereinsheim, Bass- und Gitarrenverstärker, Klavier, Schlagzeug usw.), die Musiklehrer alles Musikalische, die Jugendabteilung alles rund um die Musik.

Mit der Kooperation mit einer Musikschule haben wir einen Glücksgriff getan und Profis, speziell im Bereich Bandworkshops, an unseren Verein binden können. Jede Probe lebt von neuen Ideen, neuen Musikstücken und -vorschlägen und alle Anwesenden werden involviert. Diese Art der persönlichen Ansprache und unsere Musikprofis, die inhaltlich flexibel und sehr auf der Wellenlänge der Kinder und Jugendlichen sind, kommt super an.

Letztendlich hat sich im Januar 2020 daraus unsere fünfköpfige Jugendband ‚Let’s T.A.P.‘ gegründet, die sich komplett selbst organisiert – wir stellen auch hier ‚nur‘ die Infrastruktur. Moderne Songs werden eingespielt, gecovert und mit einer eigenen Interpretation einstudiert und vorgetragen (1x Vocal, 1x Drums, 1 E-Gitarre, 1 Bass-Gitarre, 1 E-Piano)“. Oliver Schieren, 1. Vorsitzender

Seiten 28, 29

Nachhaltigkeit und Qualität vor Schnelligkeit und Quantität

Ein Überblick über die strategische Weiterentwicklung des Akkordeon-Orchester St. Tönis

Text: Oliver Schieren, 1. Vorsitzender Akkordeon-Orchester 1957 St. Tönis e.V.

Viel Aufwand für ein oftmals überschaubares Ergebnis. Die  Konsequenz: Ohne Aufwand geht’s gar nicht. Manchmal dauert es ein bisschen länger als gewünscht – aber auf einmal kommt der Ball ins Rollen…

Blickwinkel – VerÄnderung

Wenn man ein Problem hat (Rückgang Mitgliederzahlen insbesondere Kinder und Jugendlicher), neigt man gelegentlich dazu, viele Gründe um sich herum dafür verantwortlich zu machen (die Globalisierung, den Ausbau der Ganztagsschulen, ein vermeintlich zu unspektakuläres Instrument zu haben, die Vielfalt an Freizeitangeboten usw.).

Im Februar 2018 haben wir uns mit dem neu gewählten Vorstand in unserem Vereinsheim für einen Tag „eingeschlossen“ und uns gefragt: Was müssen wir tun, damit wir in Zukunft nicht nur eine Überlebenschance haben, sondern auch wieder neue Mitglieder gewinnen, allgemein ein besseres „Standing“ in der Stadt und der Öffentlichkeit bekommen und in Zukunft wieder wachsen können?

Unsere wichtigste Regel an diesem Tag: Es gibt keine gedanklichen oder inhaltlichen Verbote und alle zunächst noch so verrückt klingenden Ideen und Überlegungen sind ausdrücklich erwünscht. Wer sich schon beim Brainstorming einschränkt (nach dem Motto: „Das kann doch nicht funktionieren, das haben wir noch nie gemacht, so was brauchen wir nicht“), wird am Ende nie etwas Gutes herausbekommen.

Gesagt – getan. Folgende Themenschwerpunkte machten wir für uns aus:

* DNA & Werte: Wofür steht unser Verein, was macht uns aus? Wofür übernehmen wir gesellschaftliche Verantwortung, was tragen wir zum Gemeinwohl unserer Stadt, unserer Umgebung, unserer Mitglieder bei? Wo liegen unsere Stärken?

* Wie ist der Vorstand inhaltlich und personell aufgestellt und wie sind die Aufgaben verteilt?

* Dirigent*innen- und Orchesterbefragung: Was macht euch aus, wofür steht Ihr und wo wollt Ihr inhaltlich / musikalisch hin?

* Wie attraktiv sind unserer Konzerte und Veranstaltungen?

* Welche Gäste kennen wir, welche Gäste können unsere Veranstaltungen bereichern?

* Jugendarbeit: Welche Programme können und wollen wir zum musikalischen ergänzend anbieten und wie sprechen wir die Kids / Eltern / Öffentlichkeit an?

* Dirigent*innen und Ausbilder*innen: Wer steht zur Verfügung, wer „eignet“ sich als Musiklehrerin oder Ausbilder bzw. zum Motivieren der Kids und Jugendlichen?

* Wie kommen wir an neue Dirigentinnen und Ausbilder, die zu uns passen und die mit uns und eigenen neuen Ideen in die Zukunft gestalten wollen?

* Welche Zielgruppen wollen wir wie ansprechen, haben wir dafür die „richtigen“ Musik- bzw. Akkordeonlehrkräfte und mit welcher Literatur wollen wir die Kurse inhaltlich anbieten?

* Wie schaffen wir es zukünftig, die Kids an uns zu binden, wenn der erste Unterricht in der Kita oder Grundschule fertig durchlaufen ist, ohne dass sie uns vor dem Wechsel zur weiterführenden Schule wieder verloren gehen?

* Wie sind wir aufgestellt und was müssen wir tun, damit wir unsere Kursangebote in Kooperation mit Grundschulen und Kitas anbieten bzw. umsetzen können?

* Ist unsere Außendarstellung (z. B. Homepage, Plakate, Flyer) so interessant und gut gemacht, dass potentielle neue Mitglieder oder Gäste zu uns kommen würden?

* Was müssen wir tun, damit wir zu einer ordentlichen und interessanten Vereinsbroschüre oder Infomappe kommen, die wir für zukünftige „Vorstellungsgespräche“ und Infogespräche nutzen können?

* Stehen wir regelmäßig in der Presse und wenn ja, mit welchen Themen? Können Fremde daraus erkennen, dass wir ein aktiver und lebendiger Verein sind?

Trotz der langen Agenda hat uns die Aufgabe nicht eingeschüchtert, sondern erst richtig angespornt. Wir haben festgestellt, dass alle Aspekte miteinander zu tun haben und voneinander abhängig sind. Also: Ärmel hoch und los geht’s.

Unsere Maxime: Nachhaltigkeit & Qualität stehen immer vor Quantität und Schnelligkeit.

1. Wir geben uns sechs Jahre Zeit für die erste „Schritt für Schritt“-Umsetzung, werden jährlich die neu eingeführten Dinge überprüfen, ggf. nachjustieren oder auch neu ausrichten. Erst danach werden wir sagen können: „Was hat funktioniert, was nicht und warum? Was haben wir danach anders gemacht, was haben wir daraus gelernt, was hat uns wirklich geholfen und was war rückblickend vielleicht auch ein „großer Flopp“, eine Fehleinschätzung?

2. Transparenz in allen Bereichen und Entscheidungen, klare Aufgabenteilung: Es gibt keine „One man show“, außerdem wollen wir in Bezug auf unsere Meinungen, Wünsche und Hoffnungen untereinander ehrlich sein.

3. In Entscheidungen müssen alle wesentlichen Gesichtspunkte mit einfließen (genereller Verlauf, personeller und wirtschaftlicher Aufwand, Erfolge, Rückschläge, Pro und Contra, Feedback der Kids und Eltern, „Bauchgefühl“ des verantwortlichen Vorstandsmitglieds etc.).

Immer mal wieder hören wir: „Ja ihr da in St. Tönis mit eurem eigenen Vereinsheim – ihr habt ja ganz andere Voraussetzungen. Das kann man ja gar nicht mit uns vergleichen.“ Darauf kann ich nur mit einem „Jein“ antworten. Wir spielen das gleiche Instrument und bewegen uns im gleichen Metier. Die Größe ist aus meiner Sicht nicht das alles entscheidende Element, sondern vielmehr die inhaltliche Ausrichtung, die Lust, der Spaß, die Organisation und die Überzeugung an dem was man tut … und ein bisschen Glück.

Natürlich haben wir mit unserem eigenen Vereinsheim sehr gute Voraussetzungen, wir sind in den letzten 2 Jahren wieder stark gewachsen und mit aktuell ca. 360 Mitgliedern und sechs verschiedenen Ensembles breit aufgestellt, mit unserer eigenen Jugendabteilung haben wir nach wie vor einen großen Vorteil, aber auch wir haben in den letzten zehn Jahren zwischenzeitlich sehr gelitten und sind in der jüngeren Vergangenheit stark geschrumpft.

Wir stehen vor den gleichen Problemen und Herausforderungen wie kleinere Vereine – manchmal sind sie vielleicht sogar größer …

Zurzeit sind wir wie folgt aufgestellt:

Das Akkordeon-Orchester 1957 St. Tönis e.V. ist eines der größten Akkordeon-Orchester in Deutschland und hat aktuell ca. 360 Mitglieder. Der Verein wird durch acht Personen im Hauptvorstand und drei Personen aus der Jugendabteilung vertreten.
Der Verein verfügt über insgesamt sechs verschiedene Ensembles (Orchester, Bands, Gruppen), die sich in der personellen Zusammensetzung, der Musikstilrichtung und den spielerischen Ansprüchen unterscheiden.

Dazu kooperieren wir mit verschiedenen ortsansässigen Kitas & Grundschulen. Babykurse, Kleinkinder- und Eltern-Kind-Kurse zwischen 18 Monaten und ca. dem 3. Lebensjahr bieten wir neu ab dem 1. September sehr erfolgreich bei uns im Vereinsheim an. Darauf aufbauend gibt es für Kindern ab ca. dem 3. Lebensjahr musikalische Früherziehung bei uns im Vereinsheim und in den kooperierenden Kindergärten. Zwischen dem 6. und 9. Lebensjahr bieten wir den Kids entweder bei unseren Kooperationspartnern (Grundschulen) oder nachmittags bei uns im Vereinsheim die Ausbildung an den Instrumenten Mundharmonika, Melodika, Akkordeon, Schlagzeug sowie Bandworkshops und das grundsätzliche Thema Musik an. Im weiteren Spiel- und Übungsverlauf haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, in einem Schüler- und Schülerinnenorchester oder unserer Jugendband zu spielen.

Zu allen musikalischen Angeboten steht das Akkordeon-Orchester St. Tönis für Werte wie Verantwortung, soziales Miteinander, Freundschaften, Wertevermittlung „auf einander Acht geben“, aktives Vereinsleben. Es fördert die musische Weiterentwicklung und verbindet Menschen unterschiedlichsten Alters, unterschiedlicher Herkunft etc.

VerÄnderungen:

Neu, Anders, VerÄnderung ist nicht schlimm, tut nicht weh und wenn man einmal anfängt, pushen einen die Erfolge weiter. Gutes bewahren, aber den Mut zu haben, Neues zu wagen – so ist es vielleicht am besten ausgedrückt. UND: Von Beginn an die Mitglieder „inhaltlich mitnehmen“ und Entscheidungen erklären und begründen.

Unsere Erfahrung bisher: Die allermeisten Entscheidungen werden von der ganz großen Mehrheit der Mitglieder mitgetragen und es gibt eine große Unterstützung, die unsere Erwartungen und Hoffnungen bei weitem übertroffen hat.

Ein regelmäßiger Austausch innerhalb unseres NRW DHV-Bezirkes hilft enorm. Herzlichen Dank für die unkomplizierte Art der Kommunikation und jederzeitige Unterstützung. Regelmäßige Treffen mit anderen Vereinsverantwortlichen helfen außerdem, sich zu „Wie machen es die anderen? Was klappt wo, wie und warum?“ auszutauschen und den Blick für die kommenden spannenden Herausforderungen zu schärfen.

Wir freuen uns über jede Kontaktaufnahme, einen Austausch und Eure Erfahrungen (https://www.akkordeon-orchester-st-toenis.de).